Sonntag, 8. Mai 2011

Autogramme vom Abstiegsmacher

(hai) Der 33. Spieltag der Fußball-Bundesliga hielt, was er versprach. Endlich mal wieder eine Konferenzschaltung mit allen neun Spielen. Alle Höhen, alle Tiefen, alle Wendungen auf allen Plätzen in nur 90 Minuten - und dann die wunderbare Tabelle auf einen Blick. Nix ist schief, alles kerzengerade. Oder?

In Gladbach sind wieder alle Lichter an. Mit dem dritten Sieg in Folge, zum dritten Mal zu Null, ist die wahre Borussia endlich wieder in der Liga. Mittendrin und nicht mehr nur so unten dran. Aber was war denn da los? Gladbacher bejubeln Tore des 1.FC Köln. Und Kölner feiern die Treffer der Fohlen gegen den Abstieg. Fußball kann so schön sein - und so seltsam. Aber wenn einem das Trikot näher als die kurze Turnhose ist, verkehrt sich die Welt schon mal. Und Gladbach holte mit dem 2:0 gegen Freiburg ja gleich neun. Das erste Neun-Punkte-Spiel der Saison! Einfach so gewonnen. Die Borussia vom Niederrhein gewinnt, Frankfurt und Wolfsburg verlieren. Der perfekte Tag. 

Nur schade, dass Schalke nicht mehr erreichbar ist. Dieser gefühlte Absteiger Nr. 1. Ohne den besten Keeper der Welt stünde der FC Mirdoegal 04 definitiv unter Frankfurt. Sieben, acht Punkte hat allein Manuel Neuer gerettet - der Einzige, der immer alles gibt. Kein Wunder, dass er weg will. Das kann für einen Profi ja auch nicht einfach sein, in so einer Hobby-Truppe zu kicken. Und jetzt kommt mir nicht mit Dreifachbelastung! Wo denn? Schalke hat doch die Bundesliga einfach nur runterlaufen lassen. Und die Ausrede Magath zählt auch nicht mehr. Das 1:3 gegen Mainz war mal wieder ein schönes Beispiel für einen Klub, der in der Liga meint, außer Konkurrenz zu laufen. In der irrigen Annahme, durch den Sieg im Pokalfinale den Europacup schon sicher zu haben. Gelächter. Magath wusste schon, warum er viel lieber gegen die Bayern in Berlin angetreten wäre. Dann hätte der Plan B nämlich funktioniert. Bayern in der Champions League, Schalke als Loser im Cup der Verlierer, der an dieser Stelle seinem traurigen Spitznamen mal alle Ehre gemacht hätte. Aber - jetzt kommt's - der MSV Duisburg ist nicht der FC Bayern. Aber Schalke ist Schalke. Definitiv.

Wo war ich gerade? Ach ja: Bocklos. Kann man dem BVB in dieser Saison eigentlich so überhaupt gar nicht vorwerfen. Aber dass das erste Spiel nach den vorgezogenen Meisterfeierlichkeiten in Dortmund in die Buchse gehen würde, war irgendwie klar. Gesetz der Serie. Werder bedankte sich artig, nahm die drei Punkte von den schwerst Verkaterten gern und feiert jetzt den Klassenerhalt nach der schlechtesten Saison seit 22 Jahren. Und lobt jetzt seinen Keeper weg. Nach Schalke. Na gut, Strafe muss sein.

Sonst noch: Der VfB Stuttgart ist trotz Bruno Labbadia also in der Liga geblieben. 2:1-Sieg gegen Hannover 96, das in der Europa League ja ganz gut aufgehoben scheint, wo die Niedersachsen ab August - gemeinsam mit Mainz und Duisburg den deutschen Fußball, nunja, würdig vertreten werden. Aber wenn schon alle anderen Länder ihre unbekanntesten Klubs in diesen Wettbewerb schicken, warum dann nicht auch wir? Eben. Der 1. FC Nürnberg verdaddelte auch sein Heimspiel gegen 1899 Hoffenheim, freut sich aber trotzdem über den besten Tabellenplatz der letzten 87 Jahre. Oder so. Aber war auch verdient. Keine Frage.

Und Leverkusen? Ach, Leverkusen! Stümpert sich zu Hause zu einem glücklichen 1:1 gegen bocklose Hamburger. Nur weil Stefan Kießling den Ball nicht richtig trifft. Sachen gibt's. Habe ich gerade bocklose Hamburger gesagt? Der FC St. Pauli verabschiedet sich unwürdig aus der Liga. 24487 Zuschauer hätten sich wohl in der zweiten Halbzeit lieber ein Geisterspiel gewünscht, als beim knappen 1:8 gegen die Bayern im Stadion sein zu müssen. Na klar, man wollte den Eingeborenen Holger Stanislawski würdig verabschieden. Und Co-Trainer Trulsen gleich mit. Stellt sich nach der peinlichen Klatsche nur die Frage: Hat der Stani irgendwas verbrochen?

Sonst noch? In Frankfurt leben viele Schwachköpfe. Dafür kann diese seltsame Stadt der Banker zunächst mal nichts. Aber warum lässt man die ins Stadion? Na gut, Christoph Daum geht ja freiwillig. Und gab zuvor noch Autogramme. Auf Eintracht-Trikots. Wer die haben wollte? Ein weiteres Rätsel. Aber wer den Verein so zielstrebig in die 2. Liga führt, der hat den Platz in der Ruhmeshalle der einst so stolzen Hessen sicher. 

Freitag, 6. Mai 2011

Verzerrte Wettbewerbung

(teo) Am 33. Spieltag der Fußball-Bundesliga hat die Fan-Initiative "Pro 15.30" endlich ihr Ziel erreicht. Hat ja auch lange genug gedauert. Alle Spiele, alle Tore, alles live am Samstag um 15.30 Uhr. Kein Freitag, kein Sonntag. Ein Tag, eine Zeit, alle Entscheidungen sind um 17.17 Uhr sofort in der Tabelle sichtbar. Kein banges Warten mehr, wie irgendwelche dahergelaufenen Klubs irgendwann vielleicht noch mal spielen. Endlich haben wir die Mutter aller Anstoßzeiten zurück. Samstag, 15.30 Uhr. Wie es sich gehört. Hat ja auch lange genug gedauert. Könnte aber auch daran liegen, dass die letzten beiden Spieltage traditionell schon seit Jahren nach dem Modus der Väter ausgetragen werden. Damit Wettbewerbsverzerrungen und taktisches Geplänkel auf den Plätzen ausbleiben. Und der Verkauf von Handradios und Internet-Handys endlich wieder anzieht.

Um Wettbewerbsverzerrungen wirklich wirksam auszuschließen, müsste Schalke in der Spielzeit 2010/2011 eigentlich vom Spielbetrieb in der Bundesliga ausgeschlossen werden. Der FC Bocklos 04 fällt nach dem Aus in der Champagner-Liga nun wieder in das schlimme Loch des Ligabetriebs. Und dann kommt ausgerechnet der wuselige 1. FSV Mainz 05 in die Pilsbier-Arena nach Gelsenkirchen. Diese Elf der Dauerläufer und Flinkkombinierer! Ein winziges Pünktchen brauchen die Rheinhessen noch, um den größten Erfolg der Vereinsgeschichte unters Dach der Arena zu bringen. Denn es gibt sie ja, diese Vereine, die sich auf diesen unbeliebten Cup der Verlierer freuen wie Bolle. Wie auch auf das Bundesligaspiel bei den Knappen. Was Wunder: Gibt ja derzeit kaum ein leichteres Spiel als gegen Königsblau - Heimspiele gegen den 1.FC Köln vielleicht mal ausgenommen. Phlegma 04 - Mainz 05 0:3.

Um Wettbewerbsverzerrungen wirklich wirksam auszuschließen, müsste Dortmund eigentlich für die letzten beiden Spiele vom Ligabetrieb suspendiert werden. Anhand eines handelsüblichen Alco-Tests wäre das leicht zu bewerkstelligen. Wenn der Meister aus der ehemaligen Bierstadt nach Bremen reist, darf man nur hoffen, dass beim Meister wenigstens der Busfahrer mal einen Tag Pause gemacht hat. Werder braucht noch ein paar Pünktchen, um endgültig sicher zu sein. Einer wäre ganz schön, drei würden den Klassenerhalt definitiv vorzeitig sichern. Ohne Wenn und Aber. Der BVB will noch ein paar Rekorde einfahren, aber mit welcher Betriebsamkeit? Steht in den Sternen. Werder - BVB 2:1.

Bayer 04 Vizekusen hat sein Saisonziel längst erreicht, spielt also nur noch für die Galerie der ewigen Zweiten. Gut möglich, dass die Werkself nun aber völlig losgelöst und endlich mal wieder begeisternd auftrumpft. Wie gut, dass es dabei im Trainingskick gegen den HSV geht. Die Hamburger haben alle Saisonziele längst verpasst, spielen also nur noch für die Galerie der Mannschaften, die eigentlich untrainierbar sind. Michael Oenning, der neue Chefcoach der Hanseaten, wird aber weiter an dieser seltsamen Mannschaft rumfuhrwerken, die im grauen Mittelfeld mit trübem Blick vor sich hinvegetiert. Aber die neue Saison startet definitiv erst im August. Bayer - HSV 4:1.

Für Wettbewerbsverzerrungen haben sie in Stuttgart gar keinen Sinn. 6:0 gegen Bremen, 7:0 gegen Gladbach, 1:4 in Leverkusen, 1:4 in Freiburg und 3:5 in München - manchmal stimmte einfach der Biorhythmus der Schwaben nicht. Das Drei-Trainer-Team kickt gegen Hannover 96, das sich seit dem letzten Spieltag 30 Tore und zwei Punkte hinter den Bayern wieder ordnungsgemäß auf dem vierten Platz einsortiert hat. Sieht aber immer noch komisch aus, Hannover im oberen Drittel. Aber die Teilnahme an der kleinen Gelddruckliga steht fest, da gibt's längst nix mehr zu rütteln. Da tut auch die zweite Schlappe in Folge nichts mehr zur Sache: VfB - 96 1:0.

Der VfL Wolfsburg ist für Wettbewerbsverzerrungen nicht zu haben! Seit dem 1:0-Kantersieg in Bremen hat der Deutsche Meister von 2009 alles im Griff. Satte drei Punkte und 13 Tore liegen die Zonenrandgebietler vor einem Abstiegsplatz - und sichere acht Tore und einen Punkt vor dem Relegationsplatz. Was soll da noch anbrennen? Zumal am Samstag der inzwischen seltsamerweise gerettete 1. FC Kaiserslautern in die Autostadt tuckert. Wird bestimmt prickelnd. VW - FCK 1:0.

Wettbewerbsverzerrungen? Für den 1.FC Köln ein Fremdwort. Schließlich sind die Geißböcke extrem beständig, wenn auswärts gegen die Murmel getreten wird. Nach dem mysteriösen 2:0-Heimsieg gegen Leverkusen kann der FC mit einem Sieg in Frankfurt den Klassenerhalt endgültig sicherstellen. Um Wettbewerbsverzerrungen wirklich wirksam auszuschließen, müsste Köln aber in dieser Saison eigentlich von Auswärtsspielen ausgeschlossen werden. Satte sechs Punkte hat der FC in sechzehn Spielen eingefahren. Definitiv eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Unter Absteigern.

Aber in Frankfurt rätseln sie ja selbst, wie die stolze Eintracht überhaupt in diese komische Region unterhalb von Platz 15 geraten konnte. Deshalb wurde eigens der Magier Christoph Daum verpflichtet. Der die Kölsche Seele ja bestens kennt. Die hessische wohl eher nicht. Zwei Punkte und fünf Tore beträgt der Vorsprung vor dem ersten Abstiegsrang, Frankfurt fällt seit Wochen wie ein Gullydeckel Richtung 2. Liga. Aber kann gegen Köln zu Hause überhaupt etwas anbrennen? Gute Frage, nächste Frage: Wer soll denn für Frankfurt das Tor schießen? Eben. Eintracht - Köln 0:0.

Der VfL 1900 Borussia Mönchengladbach ist das genaue Gegenteil von Wettbewerbsverzerrungen. In einer Saison ohne Höhen (6:3 in Leverkusen, 4:0 in Köln, 1:0 gegen Dortmund, 1:0 in Hannover, 1:0 in Nürnberg und 5:1 gegen, nunja, Köln) und nennenswerte Tiefen (2:3 gegen Stuttgart, 0:4 gegen Frankfurt, 1:2 gegen St. Pauli, 0:1 gegen Kaiserslautern und 0:7 in Stuttgart) hat sich Gladbach jetzt eingespielt. Dumm, dass nur noch sechs Punkte zu holen sind. Und es aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr zu einem ausgeglichenen Torverhältnis (-19) reichen wird. Aber der Klassenerhalt tut es ja auch. Auch wenn Papiss Demba Cissè zum zweitletzten Mal das Trikot des SC Freiburg überstreift und wohl immer noch auf die Torjägerkanone schielt: für die anderen zehn Schwarzwälder geht es nicht mal mehr um eine vergoldete Südfrucht. Und für Cissè ist ja in Gladbach eigens wieder Dante fitgeknetet worden. Aber einen macht der Cissè ja eigentlich immer. Gladbach - Freiburg 2:1.

Der 1.FC Nürnberg trauert. Gündogan, Ekici, Schieber - alle noch da, aber alle bald weg. Das Offensiv-Trio, das den Franken unerwartet früh einen unerwartet hohen Tabellenplatz sicherte, wird in der nächsten Saison andere Vereinswappen küssen. Wie es dann weitergehen soll, weiß an der Noris wohl niemand. Mitten in diese Überlegungen platzt die TSG 1899 Hoffenheim, die sich schon auf das Kiez-Duo Stanislawski/Trulsen freut. Aber erst in der nächsten Sasion. Geht-um-nix gegen Geht-um-nix. Wettbewerbsverzerrung? Wie denn, bei der Tabellenlage? Nürnberg - 1899 3:0.

Wettbewerbsverzerrung auf St. Pauli? Höchstens, wenn es auf dem Kiez um die Preise fürs Herrengedeck geht. Die Freibeuter der Liga haben eine Träne in jedem Knopfloch. Abstieg, Trainergespann weg, die halbe Mannschaft hat den Trolley schon in der Hand. Doch das letzte Heimspiel in der 1. Liga wird nochmal zum Feiertag. Der FC Bayern kommt. Früher wurden in der Woche davor die T-Shirt-Druckmaschinen angeworfen. Heute nicht mehr. Die Stimmung wird trotzdem großartig, das Millerntor wird sich da sicher nicht lumpen lassen. Stanis letztes Heimspiel, zum letzten Mal in der Liga der Großen und dann auch noch ein letztes Mal gegen den Größten: den ehemaligen Rekordmeister und ehemaligen Rekordpokalsieger und ehemaligen Europapokal-Gewinner aus der Stadt der Reichen und Schönen. Zudem will Mario Gomez wohl unbedingt diese Skulptur einer altertümlichen Großwaffe haben und der FC Bayern den Quali-Platz für die Champagner-Liga sichern. Nichts leichter als das. Leider. Pauli - Bayern 0:3.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Eine ehrliche Haut

Der doppelte Ansgar.
(Foto: Thomas Ottensmann)
(teo) Er sagte mal, er hätte im Nachhinein lieber 50 Länderspiele als 50 Anekdoten gehabt. Doch vielleicht muss man es in der Rückschau auf Ansgar Brinkmanns Fußball-Karriere einfach positiv sehen: Auch die 50 Geschichten - und das ist vermutlich noch niedrig geschätzt - kann ihm keiner mehr nehmen. Und uns, dem Publikum, den Fußball-Fans, auch nicht.

Wie damals, als er aus der Kreisklasse vom BV Cloppenburg II in die 2. Bundesliga zu Eintracht Frankfurt wechselte und vom Reporter der Zeitung mit den großen Buchstaben gefragt wurde, was er eigentlich in Frankfurt wolle. Ansgar Brinkmann musste gar nicht lange überlegen und antwortete "Das kann ich Ihnen sagen. Ich bin hier, um die Mannschaft zu verstärken." Und der Replik des Reporters "Sie haben aber Selbstvertrauen" mit einem munteren "Selbstvertrauen ist mein Hobby" begegnete.


Oder als er bei einem Hallenturnier mit Mainz 05 von den Feldjägern abgeholt wurde, weil er wochenlang den Einberufungsbescheid zur Bundeswehr irgendwie, nunja, ausgeblendet hatte. Er durfte das Turnier zu Ende spielen, wurde später Kapitän der Bundeswehr-Nationalmannschaft. Mit einem legendären Spiel in der Ukraine, nach dem fatalerweise Wodka gegen die Kälte gereicht wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der letzte Straßenfußballer und der weiße Brasilianer - Etiketten, die an Ansgar Brinkmann haften blieben. Nicht wegen des Klebstoffs - sondern weil sie passten. Der technisch versierte Dribbelkönig von Preußen Münster, Eintracht Frankfurt, Mainz 05, vom VfL Osnabrück und Arminia Bielefeld (Liste definitiv sehr unvollständig), der auf und neben dem Platz Gegen- und Mitspieler, von Trainern und Funktionären mal ganz abgesehen, gleichermaßen in den Wahnsinn trieb - dieser Dribbelkünstler verhedderte sich allerdings auch außerhalb des Platzes so manches Mal in den Fallstricken des Lebens.

Wie damals, als er in Gütersloh einen Blumenkübel in das Schaufenster eines Friseurladens warf und über die Dächer einiger Taxis spazieren ging. Oder in Bielefeld als es in einem amerikanischen Schnellrestaurant zu einer "verbalen Kabbelei" ("Wenn ich jetzt du wäre, wäre ich lieber ich.") mit nacktem Oberkörper kam. Oder als er in Osnabrück seinen Porsche während einer Polizeikontrolle auf der Kreuzung stehen ließ und im Vollsprint einfach weglief. Oder als er im Trikot von Arminia Bielefeld vor dem Spiel in Bochum in der Kabine erst mal eine Pommes (rot-weiß) verdrückte, weil er mit nüchternem Magen nicht auflaufen wollte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Christian Ludewig vom Verlag
Delius Klasing mit Ansgar
Brinkmann (re.) bei der Buch-
Präsentation in Osnabrück.

(Foto: Thomas Ottensmann)
Man kann Ansgar Brinkmann wohl manches vorwerfen, aber eines sicher nicht: Dass er nicht seinen Weg gegangen wäre. Und zu allem steht, war er im Laufe seiner langen Karriere so anstellte. "Der Weg, den ich gegangen bin, war nicht immer richtig. Aber das war ich", sagt er im Vorwort zu seiner Autobiographie "Ansgar Brinkmann - Der weiße Brasilianer" (Delius Klasing 2011), die er gemeinsam mit dem Journalisten Bastian Henrichs schrieb. Vier Jahre nach seinem Abschiedsspiel auf der Bielefelder Alm, zu dem unter anderem alte Weggefährten wie die Nationalspieler Bernd Schneider, Fredi Bobic, Icke Häßler, Thomas Berthold und Uwe Bein kamen, lebt der 41-Jährige wieder in Osnabrück. Er, der in über 20 Jahren für 18 Vereine kickte und dabei 37 Trainer erlebte, ist mal wieder gewechselt. Diesmal auf die andere Seite des Profi-Fußballs.

Er, der sich in seiner Zeit bei Mainz 05 das Zimmer im Trainingslager mit dem heutigen BVB-Trainer Jürgen Klopp teilte, ist jetzt Scout. Sichtet in der ganzen Welt Talente, die es im deutschen Profi-Fußball vielleicht mal schaffen könnten. Er ist unabhängig, scoutet für viele Klubs, unter anderem auch für den SC Preußen Münster. Den Weg auf die andere Seite ebnete Reiner Calmund, der sich als Manager von Bayer 04 einst so ärgerte, weil dem Bielefelder Rechtsaußen der Ball "wie Pattex am Fuß" klebte und Brinkmann die Leverkusener Abwehr quasi im Alleingang sehr oft sehr alt aussehen ließ.

Wie wertvoll gute Talentsichtung im modernen Fußball ist, zeigen die aktuellen Beispiele aus Nürnberg, Mainz und nicht zuletzt aus Dortmund, wo mit jungen, bis vor kurzem noch nahezu unbekannten Spielern begeisternder Fußball geboten wird - der zudem noch erfolgreich ist.

Ansgar Brinkmann hat mal gesagt, dass er dem Fußball auf jeden Fall erhalten bleiben wolle, ob als Scout, Platzwart oder Trainer sei egal. Das Enfant Terrible als Trainer? Gegenfrage: Warum nicht? Die A- und B-Lizenz hat er jedenfalls in der Tasche, die Fußball-Lehrerausbildung soll bald folgen. Denn der Fußball lässt Ansgar Brinkmann nicht los. "Das sind Momente, die man nicht kaufen kann. Jedes Spiel ist anders, jedes Spiel besonders. So ist Fußball, in jeder Liga", sagt Ansgar Brinkmann - und hat mal wieder recht.

Aber was treibt ihn eigentlich an, wo liegt für den ehemaligen Berufsfußballer der Reiz dieses angeblich einfachsten Spiels der Welt? Die Antwort gibt er in seinem Buch: "Es liegt daran, dass im Fußball alles möglich ist, dass der Kleine den Großen schlagen kann, dass es so einfach und doch so kompliziert ist." Ansgar Brinkmann begreift seinen Weg durch 20 Jahre Fußball dabei als Glücksfall. Er sagt, der Fußball habe ihn gerettet. Das darf man wörtlich nehmen. Aber auf die Frage, ob auch Wehmut bei der Arbeit an seinem Buch aufgekommen sei, braucht Ansgar Brinkmann nicht lange zu überlegen: "Wehmut nicht, eher Demut. Denn der Fußball war für mich ein großes Geschenk."

Verwunderlich ist dabei immer wieder, dass er, der für die heftig rivalisierenden Klubs aus Osnabrück, Bielefeld und Münster abwechselnd die Stiefel schnürte, trotzdem auch heute noch von den jeweiligen Fans dieser Klubs als einer der ihren gefeiert wird. So wie in Frankfurt, Dresden und Gütersloh, wo es sogar bis heute einen Ansgar-Brinkmann-Fanclub gibt. Unerklärlich? Mitnichten. Er war ja immer einer von ihnen. "Beim Fußball will ich alles mitbekommen, jede Szene, jede Geste", sagt Ansgar Brinkmann, denn "ich bin ja selbst ein Fan."

(Text, Fotos und Video (c): Thomas Ottensmann)

Dienstag, 3. Mai 2011

Mythos Planungssicherheit

(teo) Am 32. Spieltag der Fußball-Bundesliga wurde also endlich das umgesetzt, was wir hier schon seit 24 Spieltagen wissen: Deutscher Meister ist nur der BVB. Weil Leverkusen ja gerne in den letzten Spielen gegen Mannschaften verliert, gegen die das eigentlich gar nicht geht. Sagen wir mal in oder gegen Köln. Und noch eine Gewissheit: Gladbach steigt also nicht ab, weil die Borussia ja die beiden Relegationsspiele gegen Augsburg, also quasi gegen Gladbachs B-Elf mit B-Trainer, gewinnt. Verabschieden müssen wir uns dagegen schweren (St. Pauli) und leichten Herzens (Eintracht Frankfurt) von zwei Mannschaften, die einfach in der Rückrunde viel zu selten punkteten. Abba Lebbe geht weida, wie serbische Hessen zu sagen pflegten. Oder waren es hessische Serben? Egal.

Was gab es sonst noch? Wolfsburg gewinnt in Bremen. Aber wieso? Das weiß niemand. Dass sich die VW-Werkself jetzt gerettet hätte, wäre übertrieben. Drei Punkte und 13 Tore auf einen direkten Abstiegsplatz sind ja nun wahrlich kein passables Ruhekissen. Und Werder hat sich zwei geruhsame Wochen in der Liga mit der Heimniederlage selbst versaubeutelt. Vier Punkte und minus ein Tor liegen die Hansestädter nur noch vor dem Relegationsplatz.

Die Mannen vom Kiez haben nach der 0:2-Schlappe auf dem Betze endlich Planungssicherheit. Fünf Punkte und neun Tore auf den Relegationsplatz dürften selbst für den FC St. Pauli zu viel sein -  wenngleich die Arithmetik des Abstiegskampfes noch einen Ausweg vorgaukelt. Gerettet hat sich nach diesem Spiel hingegen der zweite Aufsteiger aus Kaiserslautern. Sechs Punkte und neun Tore Vorsprung sollten reichen, sogar für den FCK.

Nicht nur Schalke ist in dieser Saisonphase wirklich alles egal, wie die 1:4-Schlappe in München mal wieder recht eindrucksvoll bewies, gleiches gilt auch für den HSV. Obschon Neu-Coach Michael Oenning das Saisonfinale einfach zum Saisonstart umzudefinieren versucht hatte. Jetzt fangen wir neu an, hieß in Hamburg! Aber wer die Leistung beim 0:2 gegen den SC Freiburg sah, dem muss Angst und Bange um den Dino der Liga sein: Wenn ein Start schon so wehrlos und unmotiviert aussieht, wie wird dann erst das Finale? In dem es übrigens gegen Borussia Mönchengladbach geht, dass bekanntlich den ganze Rest gewinnen muss. Gut, dass Michael Oenning noch volles Haar hat. Da geht noch was.

Schlagzeile des Tages: Der 1.FSV Mainz 05 hat Mitleid mit Eintracht Frankfurt! Schließlich hätte man die, sagen wir mal, nicht allerbeliebtesten Nachbarn aus dem Stadion am Bruchweg schießen können. 05 beließ es aber beim 3:0, das ja schon nach 45 Minuten feststand. Einige Eintracht-Fans verbrannten mal wieder Textilien und Stoffe an Besenstielen, andere gingen schon zur Pause, um zu Hause rechtzeitig den Grill anzuwerfen. Wie schrieb ein Kollege so passend, als es um Daum ging, den man als Feuerwehrmann und Konzepttrainer geholt habe? "Dass er ersteres nicht ist, hat er schon mal eindeutig widerlegt." Dass Letzteres nichts mehr zur Sache tut und vielleicht sogar nur in der Vergangenheit galt, wird am 14. Mai dann unterstrichen, wenn in Frankfurt endlich Planungssicherheit besteht. Das Navi muss neu programmiert werden. Auf Paderborn, Aue und Fürth.

Mehr oder minder durch ist auch der VfB Stuttgart nach dem 2:1-Sieg in Hoffenheim. 1899 führte zwar, verpasste es aber, den Sack zuzumachen. Der VfB drehte das Spiel und hat fünf Punkte und dreizehn Tore Vorsprung vor Frankfurt. Wer das noch vergeigt, muss sie mit der Latte haben - oder 1.FC Nürnberg heißen. Da der VfB Stuttgart ersteres vermeiden möchte und zweiteres nicht ist, bleiben die Schwaben noch mal drin. Sogar trotz des Trainers.

Apropos: Auch der 1. FC Köln scheint die Klasse zu halten. Also die Spielklasse. Durch die großzügige Nachbarschaftshilfe von Bayer 04 Leverkusen durfte Novakovic zweimal jubeln, was erstaunlicherweise zu einem 2:0-Sieg gegen den großen Nachbarn aus der kleinen Stadt reichte. Was umso erstaunlicher war, weil die Werkself eigentlich 3:0 oder 4:0 führen musste, als Novakovic zum ersten Mal traf. Aber sos Fusball. Wer keine Tore schießt, kann eben auch nicht gewinnen. Drei Euro ins Phrasenferkel. Aber war auch schwierig für Bayer 04. Das erklärte Ziel, Zweiter zu werden, hatte der Klub ja quasi sicher. Wer soll sich da also noch motivieren können?

Gladbach gewinnt wie erwartet auch gegen den Tabellendritten Hannover 96 und das Beste daran: Es war verdient. Die Hoffnung ist am Niederrhein also wieder von der Beatmungsmaschine abgekoppelt, sie hat sogar die Intensivstation verlassen. Zwei Siege noch, dann wollen die Fohlen die Rettung feiern. Ob das wirklich klappt? Papiss Demba Cissè und Michael Oenning scheinen die Einzigen zu sein, die noch Einwände haben. Und wenn Frankfurt und Wolfsburg einfach ganz perfide den Fohlenplan kopieren und ebenfalls die letzten beiden Spiele gewinnen, dann gehen mal wieder die Funzeln in Gladbach aus. Wie gut, dass da die Lichtgestalt Stefan Effenberg ante portas steht. Händchenhaltend mit Horst Köppel. Vielleicht sollte man lieber zweimal gewinnen und einfach drinbleiben.

Bayern ist Bayern ist Bayern. Und Schalke ist Schalke ist Schalke. Die Knappen haben auf die schnöde Bundesliga schlichtweg keinen Bock. Warum auch, wenn man sich doch in der Champagner-Liga viel lukrativer verprügeln lassen kann? Also ging Schalke in München praktisch ohne wahrnehmbare Gegenwehr sang- und klanglos mit 1:4 unter. Und konnte "nahtlos an die Leistung gegen Manchester anknüpfen", wie Manuel Neuer kalauerte. Witzig. Wie gut, dass Schalke nur noch gegen Mainz und Köln spielt. Können sie wenigstens keine wichtigen Entscheidungen mehr verfälschen. Mainz hat auf dem fünften Platz - wie passend - fünf Punkte und fünf Tore Vorsprung vor Nürnberg und Köln liegt vier Punkte und minus vier Tore vor Frankfurt, das noch den Relegationsplatz besetzt hält. Noch.